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Grundlagen der pädagogischen Diagnostik

Ausgangspunkt der Überlegung, dass professionelle Hilfe in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit unausweichlich mit dem Problem konfrontiert ist, fremden Sinn verstehend zu erschließen, um auf diese Weise wirksame Handlungsansätze entwickeln zu können, stand bei Gründung des »Instituts für pädagogische Diagnostik« die Frage im Zentrum, wie der Individualität des jeweiligen Einzelfalles angemessen Rechnung getragen werden kann.

Unzweifelhaft dürfte sein, dass tragfähige Interventionen unausweichlich darauf verwiesen sind, die jeweilige Spezifik der Problematik des/der KlientIn verstehend erfasst zu haben. Faustformelhafte oder gar technokratische Vorgehensweisen erweisen sich sehr schnell als unbrauchbar (das liegt in der Natur der Sache) und auch Intuitionen führen allenfalls in seltenen Ausnahmefällen zu brauchbaren Resultaten.

Die biographische Methode, die sich seit einigen Jahren auch in der Sozialen Arbeit immer stärker durchzusetzen beginnt, eröffnet eine praktikable Alternative zu den immer noch stark im Einsatz befindlichen Verfahren der Psychologie und Psychiatrie.

Sie knüpft in ihrer Grundannahme an eine Erkenntnis an, die auch dem Alltagsbewusstsein durchaus geläufig ist, d.h. von niemandem ernsthaft bestritten wird: dass die soziale Wirklichkeit ein ‚Produkt‘ der vielfältigen Wechselbeziehung von Individuum und Gesellschaft ist. Diese Wechselbeziehungen in ihrer Wirksamkeit zu ermitteln, die Bedeutung von familiären und außerfamiliären Einflüssen auf die Entwicklung der Identität und Individualität von Kindern und Jugendlichen zu verstehen, ist kurz gesagt das Ziel der »Pädagogischen Diagnostik«.

Dass dabei sowohl die konkrete, in sich zumeist sehr komplexe und vielschichtige Entwicklungsproblematik als auch die vorhandenen Selbstheilungspotentiale (Ressourcen) herausgearbeitet werden, ist für diese Methode konstitutiv.

Die »Pädagogische Diagnostik« ist ein Verfahren, das unterschiedliche Methoden und Techniken aus der qualitativ-empirischen Sozialforschung zusammenführt, um lebensgeschichtliche Selbstbeschreibungen, wie sie im Rahmen der Datenerhebung zustande kommen, auf die in ihnen wirksamen handlungsleitenden Muster zu bestimmen. Diese Muster entsprechen dem, was sich in der Biographieforschung unter dem Begriff der „Fallstruktur“ eingebürgert hat.

Auf der grundlegenden Ebene jeder Persönlichkeit sind bestimmte Muster dafür verantwortlich, dass ein Individuum sich in der sozialen Welt orientieren und an ihr teilhaben kann. Anders formuliert könnte man auch davon sprechen, dass die »Pädagogische Diagnostik« darauf abzielt, diejenigen Strukturen zu ermitteln, die einen Menschen zu einem unverwechselbaren Individuum mit einzigartiger Identität bzw. Subjektivität machen. Gerade weil die Aneignung und Verfestigung solcher Strukturen sich im Rahmen zeitlich ausgedehnter Bildungsprozesse vollzieht, ist diese Ebene dem einzelnen Subjekt selbst nicht vollständig zugänglich.

Fehlgelaufene Sozialisationsprozesse erweisen sich in der Folge oftmals als besonders hartnäckig, weil der Träger eines problematischen Sozialverhaltens subjektiv ein ganz anderes Verständnis der von ihm verursachten Ereignisse bzw. Konsequenzen hat, als beispielsweise ein außenstehender Beobachter, seien dies die Eltern oder andere soziale Akteure. Dem Alltagsverstand ist dieses Phänomen als oftmals verblüffende, manchmal erschreckende Abweichung von Eigen- und Fremdwahrnehmung bekannt. In der Konsequenz dieser Tatsache liegt ein pädagogisches Kernproblem: Wenn es nämlich nicht gelingt, dem Kind oder Jugendlichen sinnhaft zu vermitteln, warum z.B. sein Verhalten nicht akzeptabel ist, er sich selber schadet, folgenreiche Fehler im Hinblick auf sein weiteres Leben begeht etc., kann eine auf Autonomie gerichtete Interventionsstrategie von vornherein nicht fruchten. Die angestrebte Verhaltensänderung ist nämlich immer Ausdruck eines Lernfortschrittes und gründet folglich auf Einsicht und Erkenntnis. Wie dieser jedoch herbeigeführt werden kann, hängt maßgeblich davon ab, inwieweit die jeweiligen individuellen Muster der Wirklichkeitsverarbeitung erfasst werden konnten, um darauf aufbauend das fragliche Problem an der Wurzel anzugehen.

Das Verfahren, das wir anwenden, um zu jenen Mustern vorzudringen, ruht auf zwei "Säulen", die in den Sozialwissenschaften seit Jahrzehnten Verwendung finden, somit bestens erprobt und entsprechend ausgereift sind:

Dem »narrativen Interview« und der »objektiven Hermeneutik«

Unser Verfahren stellt nun vereinfacht gesagt darauf ab, die Persönlichkeitsmuster mittels ihrer unverwechselbaren Regelverwendung zu bestimmen.

Dabei werden die einzelnen Abschnitte (Sequenzen) des verschrifteten Interviews von einer InterpretInnengruppe solange Schritt für Schritt interpretiert, bis eine sog. »Strukturhypothese« formuliert und begründet werden kann. Diese stellt gleichsam ein erstes wichtiges Ziel der Anstrengungen dar, weil in dieser Hypothese die jeweils interessierenden Merkmale des ‚Falles‘ zusammengefasst sind. Selbstverständlich kann sich eine methodisch kontrollierte Analyse nicht mit einer Hypothese begnügen, selbst wenn diese nach kontroverser Erörterung plausibel zu sein scheint. Im nächsten Schritt wird diese Ausgangsüberlegung in einem aufwendigen Prüf- und Testverfahren auf ihre Stichhaltigkeit ausgeleuchtet. Eine einzige Passage des Interviewtextes, an der die Strukturhypothese nicht zur vertieften Sinnerschließung führt, würde zur Folge haben, das analytische Procedere von Neuem zu beginnen.

Erst wenn eine maximale Sicherheit über die Zuverlässigkeit und Triftigkeit der Ergebnisse hergestellt wurde, ist es möglich, fundierte Aussagen über die Art und Weise zu machen, wie das konkrete Individuum seine Welt wahrnimmt, sich zu ihr stellt, was ihm wichtig ist, welche Ziele es verfolgt und, was von herausgehobener Bedeutung gerade im Zusammenhang mit Entwicklungsproblematiken ist: an welche (schlummernden) Selbstheilungspotentiale eine Interventionsstrategie anschließen kann.

Bevor aber überhaupt das Interview selbst in die Interpretation einbezogen wird, ist ein unentbehrlicher Teil der Analyse, nämlich die der sog. »Objektiven Daten« (Genogrammanalyse) bereits erfolgt. In diesem ersten Schritt werden die Daten des Familiensystems (Geburten, Wohnorte, Einkommensverhältnisse, Berufe, Verwandtschaftsverhältnisse etc.) Punkt für Punkt interpretiert. Der Sinn dieser Operation besteht darin, zu klären, was die Familie zu einem bestimmten Zeitpunkt ist und wie sich das konkrete Familiensystem entwickelt hat. Dabei liegt ein besonderes Augenmerk darauf, wie ein gegebenes Familiensystem sich angesichts konkreter sozio-ökonomischer Bedingungen (wie z.B. Arbeitslosigkeit, Wohnraummangel usw.) behauptet, welche Strategien es aufbietet, um Ziele zu realisieren, aber auch, welche positiven bzw. negativen Identifikationsmöglichkeiten die Nachkommen antreffen.

Auf der Basis dieser Datenanalyse sollen vor allem Fragestellungen entwickelt werden, die die anschließende Arbeit am Interviewtext anleiten und präzisieren helfen.

Die Ergebnisse der Analyse werden in einem Gutachten zusammengefasst, auf dessen Grundlage gemeinsam mit den zuständigen MitarbeiterInnen der Sozialdienste eine Interventionsstrategie entwickelt wird. Darüber hinaus berät das Institut für pädagogische Diagnostik die zuständigen PädagogInnen bei der Umsetzung der Interventionsstrategie in konkretes pädagogisches Handeln.

Die Erfahrungen, die wir in mehrjähriger Zusammenarbeit mit verschiedenen Jugendämtern aus der gesamten Bundesrepublik sammeln konnten, lassen den Schluss zu, dass bei Einsatz dieser Methode ein erheblicher Effizienzzuwachs zu verzeichnen ist, der sowohl den professionellen HelferInnen als auch und vor allem den Kindern und Jugendlichen unmittelbar zugute kommt.

Die Rückmeldungen, die wir im Rahmen einer Evaluationsstudie von den kooperierenden Jugendämtern erhalten haben, stimmen uns optimistisch. Unsere Überzeugung, dass es möglich ist, den vielfach unüberwindlich erscheinenden Spagat zwischen Wissenschaft und Praxis zu meistern und ein hochwirksames Instrumentarium für praktische Anwendungen nutzbar zu machen, beginnt sich durchzusetzen.

Das zeigt auch die anwachsende Nachfrage nach Fortbildungsseminaren, die sich an PraktikerInnen aus der Sozialen Arbeit richten. Der Vorteil der leichten Erlernbarkeit der Analysetechniken, sowie der konkrete Nutzen bei der Bewältigung einer zusehends komplexeren Berufsarbeit, überzeugt immer mehr Kolleginnen und Kollegen davon, dass fallanalytische Kompetenz – und nichts anderes verstehen wir unter »Pädagogischer Diagnostik«, eine unverzichtbare Bedingung professioneller Fachlichkeit darstellt.