Stellvertretende Elternschaft

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Professionalisierte stellvertretende Elternschaft

Die Familie ist unstreitig der Ort für gelingende Sozialisation.

Allzu häufig kommt es vor, dass Familien in der Erziehung ihrer Kinder scheitern und die staatliche Gemeinschaft für die Erziehung der Kinder und Jugendlichen eintreten muss. Die Hilfen zur Erziehung weisen ein großes Spektrum an Hilfeformen auf, die aber größtenteils mit starken strukturellen Mängeln behaftet sind. Insbesondere Heimerziehung, die in vielerlei Formen zur Verfügung steht, bildet das diametrale Gegenstück zur Familie und ist als Instanz zur Sozialisation von Kindern und Jugendlichen nicht geeignet.

Im Bereich der familiären Hilfen steht die Pflegefamilie dem Sozialisationsort Familie am Nächsten. Aber bereits der Begriff „Pflege“ verweist auf eine wirkungsvolle Differenz zur Familie. Das Pflegekind bleibt in der Pflegefamilie schon begrifflich ein Außenseiter, insbesondere in Bezug auf die leiblichen Kinder in dieser Familie.

Stellvertretende Elternschaft ist ein Modell, das schon seit vielen Jahrhunderten in nahezu allen Gesellschaften vorkommt. Die klarste Form ist die Adoption. Adoptieren Eltern ein Kind, dann nehmen sie es an Kindesstatt an und versehen es mit allen Rechten und Pflichten.

Stellvertretende Elternschaft, als Pflegefamilie, im Rahmen von Hilfen zur Erziehung sieht aus unterschiedlichsten Gründen von einer Adoption ab und erkauft sich damit zunächst Probleme wie sie in Pflegefamilien bekannt sind und sehr häufig zum Abbruch der Hilfe führen. Selbst die sogenannten Fach-Pflegestellen weisen ein hohes Maß an Abbrüchen auf.

Familie und damit Elternschaft ist vor allem als ein Strukturmodell zu betrachten. Es ist vorrangig die triadische Struktur – Strukturstelle Vater, Strukturstelle Mutter und Strukturstelle Kind –, die die sozialisatorische Grundbedingung für gelingende Bildungsprozesse darstellt.[1]

Hierbei ist eine geschlechtliche Festlegung bei der Einnahme der elterlichen Strukturstellen zwar nicht grundsätzlich unerheblich (Männer können nicht Kinder gebären und nicht stillen), aber innerhalb gewisser Grenzen flexibel: Die „mütterliche Strukturstelle“ kann sozial ebenso gut vom Mann ausgefüllt werden wie die „väterliche Strukturstelle“ durch die Frau. Eine „Vertauschung“ dieser Gestalt findet sich keineswegs selten in Familien (und dementsprechend stellt ein empirisch beobachtbarer „gesellschaftlicher Wandel“ auf diesem Gebiet keineswegs per se das Strukturmodell infrage). Wie sich bei Alleinstehenden Eltern, also Erwachsenen mit Kindern ohne Partner, zeigt, gelingt Erziehung immer dann, wenn die Strukturstellen besetzt werden können, sei es durch die Person des einen Erwachsenen, der sich „dynamisch“ verhält und so die „freie“ Strukturstelle des fehlenden Partners „besetzt hält“ (gedanklich, habituell); oder sei es durch einen „außenstehenden“ Erwachsenen, der entsprechende Funktionen für das Familiensystem stellvertretend übernimmt.

Kurz gesagt sind Eltern immer erst dann Eltern (im normativen Sinne des Gelingens der Beziehungen), wenn sie bereit und in der Lage sind, die notwendigen Strukturstellen als Personen dauerhaft auszufüllen.[2]

Strukturstellen werden – vereinfacht gesagt – durch die Übernahme bestimmter Funktionen deutlich: Die mütterliche Funktion ist die der Versorgung (sowohl material als auch emotional), die väterliche Funktion besteht in der Durchsetzung von Regeln und Normen. Diese streng analytische Trennung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide Funktionen auch immer vom jeweils anderen erfüllt werden, wobei dann eine Funktion jeweils dominanter ist.[3]

Stellvertretende Elternschaft in diesem Sinne ist immer dann gegeben, wenn Erwachsene die Strukturstellen besetzen, also auch für die aufgenommen Kinder und Jugendlichen Elternpositionen einnehmen.

Vor dem Hintergrund, dass bei Kindern, für die Hilfen zur Erziehung angezeigt sind, immer von erheblichem Traumapotential bzw. bereits von manifesten Traumata auszugehen ist, bedürfen stellvertretende Eltern besondere Rahmenbedingungen.

Diese besonderen Bedingungen werden durch eine Professionalisierung gegeben. Voraussetzung ist zunächst eine Fachausbildung, die Ausbildung in Pädagogischer Diagnostik und die Bereitschaft in einem Team von Kollegen und Kolleginnen das pädagogische Handeln im Sinne einer Lehranalyse in Progress zu reflektieren. Damit soll auch gewährleistet werden, dass Teamsitzungen nicht zu reinen Fallbesprechungen verflachen, sondern tiefgreifend das eigene Handeln in Bezug auf die Kinder zu verstehen. In diesem Sinne ist Professionalität herstellbar.

Professionalisierte stellvertretende Elternschaft ist so gesehen ein innovatives Modell im Bereich der Hilfen zur Erziehung. Sie ist dazu geeignet, Kindern und Jugendlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, welche sie zu reifen, autonomen Mitgliedern unserer Gesellschaft wachsen lassen.

Nähere Ausführungen und Begründungen zur Professionalisierten stellvertretenden Elternschaft finden Sie hier.


[1] Vgl. Oevermann, Ulrich: Die Soziologie der Generationenbeziehungen und der historischen Generationen aus strukturalistischer Sicht und ihre Bedeutung für die Schulpädagogik; in: Pädagogische Generationsbeziehungen. Jugendliche im Spannungsfeld von Schule und Familie (Opladen, Leske und Budrich 2001). Oevermann entwickelt seine soziologische Sozialisationstheorie, deren Kernkonzept die „ödipale Triade“ ist, im Anschluss an Parsons, der Kerngedanken der Freudschen psychoanalytischen Theorie der psychosexuellen Entwicklung soziologisch interpretierte (vgl. Parsons, Talcott: Social Structure and the development of personality: Freud`s contribution to the integration of psychology and sociologiy)

[2] Sozialisation gelingt immer dann nicht, wenn diese Strukturstellen nicht klar besetzt sind, also wenn (a) Kinder als Partnerersatz missbraucht werden oder (b) Erwachsene auf Grund ihrer Sozialisation nicht zur Autonomie gelangten und selbst noch die Strukturstelle des Kindes einnehmen (und von daher ihren Kindenr eher wie Geschwister begegnen). Gerade die Jugendhilfe kennt diesbezüglich eine Vielzahl konkreter Beispiele.

[3] siehe T. Parsons: Family Structure and the socialization of the child, in: Family socialization and interaction process (1956)